Gedanken zur Jagd.

Halali. Vor einigen Jahren stellte sich Herr Rüger zum ersten Mal die Frage, ob er einen Jagdschein machen solle. Immerhin war auch sein Urgroßvater passionierter Waidmann gewesen. Aus verschiedenen Gründen entschied er sich damals aber dagegen. Lange Zeit verschwendete er dann keinen Gedanken mehr an die als fixe Idee abgetane Überlegung. Eines verhängnisvollen Tages jedoch bot sich die Gelegenheit, einen Jäger beim abendlichen Ansitz zu begleiten. Zunächst war es die bloße Neugier und der Wunsch auf ein paar tolle Bilder, die Herr Rüger an einem frühsommerlichen Abend durch Wildäcker stapfen und mit den allseits bekannten Vorurteilen einen Hochsitz besteigen  ließen. Nach kurzer Zeit war allerdings klar, dass die Jagd doch so viel anders und vielschichtiger ist, als man es sich vorstellen mag. Kurzum: mit all den neuen Eindrücken war schnell klar, dass die erste Intention, sich genauer mit dem Thema Jagd zu beschäftigen, wohl doch die richtige gewesen ist.

Leben und Leben lassen. "Siehst Du den Rehbock dort hinten?", fragte mich der Jäger, der so nett war, mich Nervensäge mitzunehmen. Nach einem kurzen Blick durchs Fernglas sah ich relativ nahe einen anständigen Bock mitten im noch grünen Rapsfeld stehen. Ich erwartete, dass sogleich das Gewehr in Anschlag gebracht wird und der Knall des Schusses durch die ansonsten ruhig vor uns liegende Landschaft donnert. Doch rein gar nichts passierte. Mit ruhiger Stimme erklärte man mir, dass der Rehbock zwar gut entwickelt ist und sicher auch eine gute Trophäe trägt, er aber noch nicht seine Schuldigkeit zur Sicherung der Rehpopulation getan hat und noch mindestens zwei Jahre verschont werden wird. Diese verantwortungsvolle Ausübung des Waidwerks überraschte und beeindruckte mich gleichermaßen. Jagen ist eben viel mehr als das bloße Erlegen von Wildtieren. Es geht vielmehr um den Blick für die Natur und das Richtige für das Wild zu tun. So wurde bei der Ausbildung zum Jäger von einem Landwirt und passionierten Jäger berichtet, der gerne auf die Rebhuhnjagd im eigenen Revier ging. Als Landwirt und Grundstückseigentümer war es ihm natürlich möglich, die Bewirtschaftung der Felder mit den Anforderungen des Rebhuhns an sein Habitat weitestgehend abzustimmen und ein herrliches Rebhuhn-Biotop zu erschaffen. Dies ist ein besonders gutes Beispiel dafür, wie die Jagd und die Jäger Verwantwortung für das Wild übernehmen und dieses so hegen, dass auch die Bejagung den Bestand nicht gefährdet sondern der Jäger diesen eher fördert.

Romantik, Archaik und Kulinarik. Fragt man einen Jäger, was denn so toll an der Jagd sei oder warum er denn jagen gehe, so hört man oft in der mehr oder weniger gleichen Abfolge die folgenden, einer Rechtfertigung gleichenden Worte: Naturschutz, Hege, Wildschadensvermeidung, Bestandsregulierung, Waidgerechtigkeit und Tierseuchenprävention. Sicherlich sind dies mit die Hauptaufgaben des Jägers, die er nicht immer ganz freiwillig übernehmen muss. So richtet sich zum Beispiel der Abschussplan des Rehwildes nach einem forstlichen Verbissgutachten und der Abschuss von Wildschweinen ist zur Vermeidung von ersatzpflichtigem Wildschaden an Feldern und Wiesen geboten, wenn man nicht tausende Euro an Landwirte bezahlen möchte. Die Biotoppflege ist ohne Zweifel neben der Hege des Wildes ist eine immens wichtige Aufgabe des Jägers, die es ernstzunehmen und zu achten gilt. Doch wenn wir ehrlich sind, wird niemand die Mühen der Ausbildung und Prüfung zum Jäger auf sich nehmen, um lediglich Wildäcker anzulegen und aktiv Biotoppflege zu betreiben. Jetzt könnte man, wie es ab und an der Einfachheit halber gerne getan wird, die reine Mordlust und das Erlegen von Tieren in das Zentrum des waidmännischen Wirkens stellen, doch auch dies ist eher der schlechte Versuch, etwas zu begründen, von dem man offensichtlich keine Ahnung hat. Die verantwortungsvolle Jagdausübung macht es erforderlich und logischerweise notwendig, für das Wild Lebensräume zu schaffen und dieses zu hegen. So ist es dann doch nicht verwunderlich, dass ein begeisterter Rebhuhnjäger den Bestand aus eigenem Antrieb nachhaltig sichern möchte.

 

Doch warum nimmt man all diese Mühen auf sich? Wenn wir ehrlich zu uns sind geht es doch am Ende um die zugegebenermaßen sehr romantische aber auch ebenso schöne und archaische Idealvorstellung im Einklang mit der Natur das Abendessen zu sichern. Nicht nur, dass Wildfleisch mehr bio als Bio ist und man über die artgerechte Haltung, die komplette Verwertung sowie - bei verantwortungsbewussten Jägern - eine schnelle und schmerzlose Tötung nicht erst Recherchen anstellen muss, es ist auch ein ganz besonderes Erlebnis das selbst erlegte Wild zu einem dem Wild angemessenen Gericht zuzubereiten, es mit Genuss zu verspeisen und sich sicher zu sein, dass dieses Tier weder grausam noch sinnlos sein Leben lassen musste.